Verhältnisse - Detail

Gipfel: Täschhorn / Teufelsgrat

Route:

Thomas Frisch

Verhältnisse

02.08.2003
Am 02.08. morgens von Randa (1408 m) auf dem markierten Weg hoch zur neuen Kinhütte (2584 m). Nach kurzer Rast weiter den markierten Pfad zur Kintole und weiter zur Wasserfassung (2707 m). Nun weglos nach Süden über mehrere Moränenrücken hinweg in die Chessi, das Schutttal bis etwa 3080 m hoch, dann in nördliche Richtung über grasige Rippen in leichter, aber brüchiger Kletterei auf den WNW-Grat des Kinhorns. Diesen nun in teilweise üblem Bruch und anstrengendem Schutt bis unter den Turm 3654 m, nach links in die Lücke und über abwärts geschichten Fels (II) zum Kinhorngipfel (3752 m). Den Ostgrat in sehr heikler und äußerst brüchiger Kletterei (I -II) hinunter in die Kinlücke (3638 m). Hier befindet sich ein bequemer Biwakplatz mit Schnee in unmittelbarer Nähe.
Am 03.08. morgens Aufbruch gegen 5.30 Uhr. Der Grat ist bis kurz vor den 1. Turm (3790 m) völlig schneefrei, leicht und seilfrei zu begehen. Es folgen ein kleiner Gendarm und die Erkletterung des 1. Turms in relativ festem Gestein (III). Nach einem kurzen Abstieg über eine Reihe von scharfen, schräggestellten Gneisplatten hinweg. Fester als erwartet, Reitsitz wie im Führer beschrieben jedoch nicht nötig. Sanft ansteigend gewinnt man den Fuß des Großen Aufschwungs, der die Schlüsselstelle der Besteigung bildet. Gleich zu Beginn die überhängende Schulterstandstelle in nicht ganz zuverlässigem Fels (frei etwa 5+; der schwere Rucksack läßt grüßen). Nach ca. 10 schweren Metern wird es leichter, dafür aber noch brüchiger. Auf 30 m läßt sich nicht eine vernünftige Sicherung legen. Stand knapp unter den Grat an 2 Friends. Nun am langen Seil gleichzeitig kletternd über den flachen Grat zu einer doppelten Steilstufe. Die erste direkt überwinden (überhängend, ca. V), die zweite rechts auf einem bequemen Band, dann über eine brüchige Stufe und eine anschließende kurze Geröllrinne umgehen. Dabei keine Sicherungsmöglichkeiten. Nun knapp links der Gratkante hinauf zum Gipfel des 2. Turms (4088m )(etwa 3 Seillängen III - IV, mäßige Standplätze). Leicht abfallend in die folgende Lücke und nun ca. 3 Seillängen über den sich aufsteilenden Grat bis unter eine letzte senkrechte Stufe (II-III, absicherbar). Über eine deutlich erkennbare, plattige Rampe etwa 35 m nach links in die NW-Flanke und eine schwach ausgeprägte Kaminrinne zum Grat zurück (bis IV; gefährlichste Stelle der Tour; in dieser Umgehung ist weder ein vernünftiger Stand noch eine einzige zuverlässige Zwischensicherung zu bauen). Vom Gipfel dieser Stufe leicht hinüber zu einem 10 m tiefen Einschnitt. Hier altes Fixseil, aber eigentlich nicht nötig (Abstieg und Wiederaufstieg ca. III). Nach einem weiteren kleinen Aufschwung erreicht man den Schnee und steigt leicht unterhalb des Grates auf eine steile Firnzunge zu, welche direkt hoch zum Gipfelgrat führt (gutes, griffiges Eis, teils auch Firn; 45°, vielleicht auch ein bißchen mehr). Über den herrlich ausgeputzten, scharfen Kamm zum Gipfel. 8 h 30 min ab Kinlücke mit Pausen.
Der Abstieg vollzog sich auf vorhandener Spur über die NW-Gletscherflanke hinunter zum Kingletscher. Hierbei aufgrund der späten Stunde schon sehr weicher Schnee und Stollengefahr. In weitem Zickzack um die teilweise riesigen Spalten herum, einmal Abseilen an fixem Eishaken über einen senkrechten 6 m-Abbruch. Über den spaltenreichen Gletscher talauswärts, einige Weitsprünge, im unteren aperen Teil ziemlich kniffelige Wegfindung, teilweise Abklettern auf den Frontzacken. Auf etwa 3050 m nach rechts in den Schutt, wo bald der mit Steinmännern und roten Farbklecksen markierte Weg zur Kinhütte erreicht wurde. 5 h 30 min.
Anderntags in aller Ruhe ins Tal zurück.
Für eine reine Felstour wie den Teufelsgrat sind die gegenwärtig herrschenden Bedingungen natürlich optimal. Kein Schnee und keine Vereisung in den entscheidenen Passagen ! Leider ist in Lage unter 4000 m der ganze Permafrost aufgetaut. Man glaubt, der ganze Berg stürzt gleich ein ...
Wer den 6. Schwierigkeitsgrad draufhat (allerdings in allen Lebenslagen und Gesteinsqualitäten) und seine Stände und Sicherungen selbst einrichten kann, darf sich auf diesen Walliser Gratmarathon von fast 1800 m Kletterei einlassen. Ein verlässlicher, ausdauernder Partner ist erforderlich, ein Satz Friends, vielleicht 4 Express und 3 Bandschlingen pro Seilschaft, darüberhinaus leider auch noch eine Portion Glück, denn der Fels ist teilweise sehr brüchig und gute Stände gerade in diesen Zonen rar.
Wir haben uns als Biwakplatz die Kinlücke gesucht, was die Tour natürlich sehr günstig unterteilt. Zwei schweizer Kollegen gingen am selben Tag von der Kinhütte aus, unterm Kinhorn durch und von Norden in die Lücke hoch. Auch sehr elegant, jedoch dürfte hierbei ein zweites Eisgerät sehr nützlich sein, den diese Flanke ist fast 200 m hoch, schätzungsweise 50° steil und völlig blank. Und man hat natürlich schon 1100 m in den Beinen, bevor die Tour überhaupt losgeht. Von einem Zustieg von Täschalp über Aesch wie im SAC-Führer beschrieben glauben wir dringend abraten zu müssen. Die Südseite der Kinlücke gleicht einem Steinbruch (während der Sprengungen).
Die neue Kinhütte lohnt unbedingt einen Besuch. Eine so nette Bewirtung und ein solch tolles Ambiente haben wir auf Schweizer Hütten schon lange nicht mehr erlebt.
LAWINEN-PROGNOSE
SLF Lawinenkarte (Quelle: slf.ch)
 
Zu diesem Eintrag wurden 0 Fragen / Kommentare verfasst,
 
Du bist nicht eingeloggt. Diese Funktion steht nur für eingeloggte Benutzer zur Verfügung.
06.08.2003 um 15:17
383 mal angezeigt
By|Sn|Vy