Verhältnisse - Detail

Gipfel: Aiguille Verte, Arete du Moine

Route:

Hauke Hennecke

Verhältnisse

08.08.2003
In den Steilwänden des nördlichen Mont-Blanc-Gebiets herrscht Kriegszustand. Schon beim Aufstieg zur Couvercle-Hütte werden die Frontlinien markiert. Links zerkracht ein Stück Dru-Westwand, rechts wird die ehemals grandiose Charmoz-Nordwand zur Geschichte, und geradeaus ? noch bevor man ihn zu Gesicht bekommt ? lassen Getöse und Staubwolke erahnen, dass auch die Lebensdauer eines Walker-Pfeilers endlich ist. So richtig berühren will uns das noch nicht, denn unser Ziel am nächsten Tag ist der Moine-Grat, der vermeintlich sicherste Anstieg bei diesen Verhältnissen auf die Aiguille Verte. Nächster Morgen, 5.15h: wir stehen am Einstieg der Moine-Route, eine markante Rinne, deren Existenz trotz der Dunkelheit durch eine herabkommende Steinsalve wahrgenommen wird. Man hatte uns vor einem schwierigen Bergschrund gewarnt, doch der war harmlos im Vergleich zum Rest der Tour: ordentlich mit Schutt gefüllt gelang dessen Ueberschreitung über eine Sand(!)brücke. Danach Kaminkletterei mit linkem Fuss an absturzbereitem Schneebalkon und rechtem Fuss in schlammiger Schicht auf glattem Fels. In diesem labilen Zustand erwischt uns die nächste Salve. Stell Dir vor, ein Lastwagen voll Kies wird über Dir entladen! Die Steine finden zielsicher ihren Weg auf Handgelenk und Finger, und man beginnt trotz der Affenhitze den Wert eines Helms zu schätzen. Endlich links raus aus der Rinne, und nur 5 Minuten später schiesst durch selbige eine erneute Ladung Fels, bei der auch ein Helm nur Makulatur gewesen wäre. Die Morgendämmerung lässt nun erkennen, in welchem Gelände wir uns befinden: sandiger, total aufgeweichter Untergrund, in dem die Felsbrocken locker stecken und sich nur durch ihr Eigengewicht gegenseitig abstützen. Im gefrorenen Zustand mag das einen gefahrlosen Durchstieg erlauben, nach der wochenlangen Hitze ist dies aber der reinste Horrortrip. Dass wir selber reihenweise Steine ablassen ist unvermeidlich. Zum Glück befindet sich keine andere verrückte Seilschaft in der Route. In unserer Verzweiflung suchen wir immer wieder den Weg raus aus der Flanke hinauf die Grathöhe, doch dort begegnen uns höhere Kletterschwierigkeiten (ca. Grad V) als die Routenbeschreibung (Grad III) vorsieht. Als Begleitmusik dröhnt aus dem benachbarten Whymper-Couloir höllischer Lärm wegen der viertelstündlich abgehenden Felsstürze. 12.30h endlich etwas Gefrorenes, ein kurzer Eisgrat zum höchsten Punkt (noch 4124 m). Trotz der traumhaften Aussicht will sich Gipfelglück nicht einstellen. Die Angst vor dem Abstieg ist beklemmend. Jeder Schritt, jeder Griff muss sorgsam ausgeführt bzw. getestet werden, eine zeit- und nervenaufreibende Angelegenheit. Wiederum suchen wir unser Heil auf der Grathöhe mit unzähligen Abseilmanövern an nicht immer zuverlässigen Blöcken. Mögen uns Nachfolger für die Hinterlassenschaft von Schlingen dankbar sein! 21.30h letzte Abseilstelle bei allerletztem Tageslicht über den Schneebalkon in den schwarzen Schlund des Bergschrunds. Stand auf Sand. Seil lässt sich fast nicht abziehen, weil es sich in den Schneebalkon eingefräst hat. Kurz vor 24h an der Couvercle-Hütte. Wir sind froh, dass wir zu jenen 50% gehören, die auf dieser Tour nicht biwakieren müssen. Während des Hüttenabstiegs am nächsten Tag verabschiedet sich das Gelände von uns mir einer Eislawine von rechts. Den Charpua- Gletscher gibt es also noch. Wie lange wohl noch?
Bei diesen Verhältnissen nur für Lebensmüde. Selbst bei pessimistischer Einschätzung durfte man am Moine-Grat mit besseren Verhältnissen rechnen; hätten wir sie gewusst, wären wir bestimmt nicht eingestiegen.
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12.08.2003 um 11:46
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