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Tina Cieslik

Neue Bücher: «Ich werde dich nicht warten lassen»

Bergsteigerin Nives Meroi steht 2009 kurz vor der Besteigung ihres zwölften Achttausenders. Dann erkrankt ihr Mann und langjähriger Seilpartner Romano Benet. Wie sie gemeinsam darum kämpfen, eine Seilschaft zu bleiben, davon handelt dieses Buch.

Frühling 2009: Die Bergsteigerinnen Gerlinde Kaltenbrunner, Edurne Pasaban und Nives Meroi klettern im Himalaya. Jede von ihnen könnte die erste Frau sein, die alle 14 Achttausender bestiegen hat. Die Medien inszenieren die Konkurrenz als Wettrennen, die Frauen stehen dem ambivalent gegenüber.
Meroi ist gemeinsam mit ihrem Ehemann Romano Benet am Kangchendzönga unterwegs. Benet fühlt sich nicht gut, kehrt um. Und was macht Nives Meroi?

Das ist der Aufhänger dieses Buchs. Und wie schon der Titel verrät: Sie lässt ihren Mann und Seilpartner nicht warten, steigt gemeinsam mit ihm ab. Zuhause erhält er die Diagnose Knochenmarkaplasie.
Nives Meroi erzählt, wie sie gemeinsam gegen die Krankheit kämpfen und es trotz aller Rückschläge fünf Jahre später auf den Gipfel des Kangchendzönga schaffen. In der Zwischenzeit hatte sich mit Oh Eun-Sun eine vierte Frau in das echte oder inszenierte Wettrennen um die Viertausender geschaltet. Ihre Besteigung der Kangchendzönga ist umstritten, und so gilt Edurne Pasaban als erste Frau, die als erste auf allen 14 Achttausendern stand und Gerlinde Kaltenbrunner als erste, der dies ohne Flaschensauerstoff gelang. Der Wettkampf ist entschieden.

Leider wird das Buch dieser durchaus dramatischen Ausgangslage nicht gerecht. Nives Meroi erzählt sachlich, fast emotionslos, von Krankheit und Genesung ihres Manns. Dazwischen streut sie Gedanken zum Kommerz im Bergsport: Deutlich wird ihr Unbehagen, ihre Rolle im Theater der Superlative zu spielen. Gleichzeitig ist klar, dass nur diese ihr ein Leben mit Expeditionen ermöglicht. Benet und sie pflegen einen äusserst reduzierten Stil – keine Sherpas, kein Flaschensauerstoff. Zur Finanzierung ihrer Leidenschaft führen sie ein Bergsportgeschäft. Meroi wird – als eine von wenigen Frauen im Spitzenbergsport – zusätzlich von Sponsoren unterstützt.

Mehrmals erwähnt sie «eine weibliche Art des Bergsteigens» als mögliche Lösung für einen nachhaltigeren Bergsport – verpasst aber, zu definieren, was das konkret bedeutet. Oft betont sie, das Erlebnis sei das Ziel, nicht der Gipfel. Und doch ist die Episode über den verpassten Aufstieg zum Kangchendzönga 2012 – sie stiegen versehentlich zum Mittel- statt zum Hauptgipfel auf – eines der emotionalsten Kapitel des Buchs.

Die Geschichte endet mit Happy End. Die Krankheit ist überwunden, der Berg bestiegen. Das Unbehagen angesichts immer extremerer Besteigungen und dem Buhlen um die Aufmerksamkeit der Medien bleibt.
Die Kritik an den Verhältnissen zieht sich als fil rouge durch die Publikation, ist aber wenig stringent –vielleicht aufgrund der persönlichen Situation der Autorin als Betroffene und gleichzeitig Profitierende? Kurz: Ein Buch einer spannenden Persönlichkeit, aber kein spannendes Buch.

Angaben zum Buch

Nives Meroi, übersetzt von Anna M. Söllner, Ich werde dich nicht warten lassen. Der Kangchenzönga, Romano und ich. Oder unser 15. Achttausender. 176 Seiten, 35 farb. Abb., 15.8 x 23.4 cm, Tyrolia Verlag, Innsbruck 2016.

ISBN 978-3-7022-3505-5
27.80 CHF, 19.80 CHF (eBook), 19.95 €

13.05.2016 um 12:33
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