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Tina Cieslik

Neue Bücher: «Besser Tiger als Schaf»

Im Herbst 1982 löste sich ein einzelner Stein in der Annapurna-Südwand. In seiner Falllinie kletterte der schottische Bergsteiger Alex McIntyre, eine Ausnahmetalent seiner Generation und Wegbereiter des Alpinstils im Himalaya – er war sofort tot. Das Buch erzählt aus der Sicht seines langjährigen Seilpartners John Porter aus einer goldenen Epoche des Bergsteigens.

Fast drei Jahrzehnte liess sich der Autor Zeit, seine Geschichte zu erzählen. In diesen Jahren ist sie gereift und reicht unterdessen weit über eine blosse Biografie hinaus: John Porter reist mit den Lesern in die Vergangenheit, in eine Zeit, als viele Achttausender noch unbestiegen, etliche Routen noch unentdeckt waren: Der Eiserne Vorhang stand noch, in den Himalaya reiste man auf dem Landweg und Reinhold Messner war einer unter vielen.
Zu Letzterem hatte Protagonist Alex McIntyre Anfang der 1980er-Jahre eine eindeutige Meinung: «Er hatte einige interessante Projekte, bis er sich aufs Gipfelsammeln verlegte und sich mehr für das Brechen von Zahlenrekorden interessierte.» Der Ausspruch widerspiegelt das Selbstbewusstsein McIntyres, aber auch sein Selbstverständnis als Kletterer.

Die Publikation verwebt die Biografie von Alex McIntyre, der via schulische und universitäre Kletterclubs zum Himalayabergsteiger wurde, mit der britischen Kletterhistorie der 1970er-Jahre. Die gemeinsamen Expeditionen mit polnischen Bergsteigern in den Hindukusch und in den Himalaya gehören dabei zu den unglaublichsten und auch vergnüglichsten Passagen. Gleichzeitig gelingt es Porter, den Bezug zur Gegenwart herzustellen: Anhand von Vergleichen mit Ueli Steck als einem der bekanntesten Vertreter des heutigen Alpinstils setzt er McIntyres Leistungen in den zeitgenössischen Kontext. Dessen Fokussierung auf Athletik und Geschwindigkeit nahm McIntyre in seinen Artikeln für Bergsportmagazine mit bemerkenswerter Voraussicht vorweg, ebenso wie die Präsenz und Selbstvermarktung der Bergsteiger in den Medien.

Porters grösster Verdienst liegt in der Distanz: Er liefert keine Beweihräucherung des Ausnahmetalents, sondern eine, naturgemäss subjektive, durchaus auch kritische Lebensbeschreibung seines Freundes und Seilpartners. Dessen innere und äussere Konflikte stehen dabei im Gegensatz zu den wilden Geschichten der britischen Kletterer, als exzessives Trinken noch als legitime Klettertraining galt und Bergsteigen als eine Art sportliche Version des Punk zelebriert wurde.

Und der Titel des Buchs? Alex’ Angehörige wählten diesen Spruch als Inschrift für einen Gedenkstein, den sie im Frühjahr nach seinem Tod im Annapurna-Basislager errichteten: «Es ist besser, einen Tag als Tiger gelebt zu haben, als tausend Jahre lang als Schaf». Im Nachhinein wirkt er mindestens ebenso als Lebensmotto wie als Prophezeiung. Wer den Tiger und seine unerschrockenen Gefährten kennenlernen möchte, dem sei dieses Buch wärmstens ans Herz gelegt.

Angaben zum Buch

John Porter, übersetzt von Jochen Hemmleb, Besser Tiger als Schaf. Alex MacIntyre und die Geburt des Alpinstils im Himalaya. 384 Seiten, 67 farb. und 10 sw. Abb.,
22.5 cm x 15 cm, Tyrolia Verlag, Innsbruck 2016.

ISBN 978-3-7022-3546-8
37.90 CHF, 27.95 €

11.02.2017 um 14:25
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