OutdoorNews | Eintrag

Tina Cieslik

Interview mit Günter Schmudlach: «Der Computer kann das besser.»

Seit rund fünf Jahren ergänzt die Website skitourenguru.ch die etablierten Planungstools für Ski- und Snowboardtouren. Im Gespräch mit gipfelbuch.ch erzählt Entwickler Günter Schmudlach von technischen und menschlichen Herausforderungen und seinen Plänen für die Zukunft.

Günter Schmudlach hat an der ETH Zürich Elektrotechnik studiert und lange Jahre als Software-Entwickler gearbeitet. Ende 2013 begann er mit der Entwicklung von skitourenguru.ch, einer Website für Skitourengänger. Computergestützt wird zweimal täglich eine Liste von Routen erzeugt, die ein tiefes Lawinenrisiko erwarten lassen. Wer sich schon immer über den originellen Namen gewundert hat: Mit «Guru» ist der Algorithmus gemeint, und nicht etwa dessen Urheber.

gipfelbuch.ch: Du hast die Website skitourenguru.ch 2013 ins Leben gerufen. Was war Deine Motivation?
Günter Schmudlach: Ich habe irgendwann festgestellt, dass ich während der Skitourensaison freitags und samstags immer das gleiche mache: Ich prüfe, welche Skitouren zur aktuellen Lawinensituation gemäss Lawinenbulletin passen. Dabei geht es vor allem darum festzulegen, ob die Steilheit, Exposition und Höhenstufe einer konkreten Route vereinbar sind mit der Gefahrenstufe und den Angaben zur Kernzone aus dem Lawinenbulletin. Das Vergleichen ist langweilige Fleissarbeit. Irgendwann kam ich zum Schluss: Der Computer kann das besser. Und so habe ich angefangen, mein eigenes System aufzubauen. Da ich beruflich als Software-Entwickler arbeitete und hobbymässig Bergsport betreibe, lag das auf der Hand.

Beispiel Galehorn

Woher bekommst Du die Informationen, die in die Berechnungen einfliessen?

Grundsätzlich verschneidet skitourenguru.ch die Information des Lawinenbulletins mit jenen zum Gelände. Das digitale Abbild zum Gelände stammt von Swisstopo, das Lawinenbulletin beziehe ich jeweils um 8 Uhr und am 17 Uhr über eine Schnittstelle vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF. Anschliessend dauert es etwa zehn Minuten, bis skitourenguru.ch die Routen bewertet hat. Nun kommt der letzte Schritt: Einerseits werden die Informationen auf skitourenguru.ch publiziert, andererseits werden sie Partnerseiten wie gipfelbuch.ch oder Mammut zur Verfügung gestellt.

«Es gab immer wieder den Gedanken,
skitourenguru.ch fest in gipfelbuch.ch zu integrieren.»



Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit gipfelbuch.ch? Wie sieht diese konkret aus?

Die Macher von gipfelbuch.ch haben das Projekt in einer sehr frühen Phase entdeckt und augenblicklich das Potenzial erkannt. Gipfelbuch.ch hat mich sofort mit den richtigen Leuten bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung bfu und beim Schweizer Alpen-Club SAC vernetzt. Tatsächlich gab es auch immer wieder den Gedanken, skitourenguru.ch fest in gipfelbuch.ch zu integrieren. Dafür müssten aber deutlich mehr finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Von gipfelbuch.ch erhalte ich die GPS-Tracks, die bei den Verhältniseinträgen hochgeladen werden. Diese Daten sind wichtig, um die Bewegungsmuster der Skitouren-Community zu verstehen und mit den rapportierten Lawinenunfällen in Bezug setzen zu können.

«Die GPS-Tracks sind wichtig, um die Bewegungsmuster
mit den rapportierten Lawinenunfällen in Bezug setzen zu können.»



Du bietest Deinen Service kostenlos an. Wie funktioniert die Finanzierung?
Momentan betreibe ich die Seite hauptberuflich. Ich erhalte finanzielle Unterstützung von der bfu, Mammut, Bächli Bergsport und der Petzl Foundation. Das reicht knapp, um davon zu leben. Ausser mir gibt es zudem ein Netz an Freiwilligen, die mich bei der Arbeit unterstützen. Ich erhalte regelmässig Anfragen von Leuten aus dem Publikum, die gerne etwas zum Projekt beitragen möchten.

Innerhalb weniger Jahre hast Du skitourenguru.ch auf eine breite Basis gestellt. Gab es auch Momente, in denen Du am Projekt gezweifelt hast?

Ja, natürlich. Nicht immer einfach war die Kommunikation mit Exponenten aus Bergsport- und Lawinenkreisen. Die Mehrheit findet das Projekt jedoch spannend. Wie jede Innovation weckt das Projekt auch Ängste. Die Zusammenarbeit mit dem SAC und dem SLF ist inzwischen sehr gut. Nicht zuletzt ist skitourenguru.ch unterdessen im Faltblatt «Achtung Lawinen!» vertreten.

Gute Planung ist die Grundvoraussetzung einer gelungenen Tour. Skitourenguru.ch möchte die Community auf Skitouren lenken, die ein tiefes Lawinenrisiko aufweisen. (Foto: Martin Scheel)

Gibt es vergleichbare Initiativen ausserhalb der Schweiz?
Alle zwei Jahre findet der International Snow Science Workshop ISSW statt. Dort erhält man einen guten Eindruck, was in Sachen Schnee und Lawinen läuft. Am ISSW 2016 und 2018 habe ich je zwei Papers vorgestellt. Aktuell gibt es drei, vier ähnliche Projekte, die aber eher darauf abzielen, Gefahrenkarten zu berechnen. Ansonsten ist kein ähnliches Projekt in Sicht – was mich sehr erstaunt.

«Ansonsten ist kein ähnliches Projekt in Sicht –
was mich sehr erstaunt.»



Die Schweiz ist auf skitourenguru.ch mit 1000 Routen gut abgedeckt, der restliche Alpenraum fehlt zum Teil noch. Ist eine Erweiterung geplant?
Die Schweiz befindet sich auf skitourenguru.ch im Vollbetrieb. Im Moment läuft für Österreich, Bayern, Südtirol und Nordostitalien eine Demoversion. Demo bedeutet, dass die Daten zwar täglich aktualisiert werden, jedoch mit relativ kleinen Routensätzen. In Österreich handelt es sich um 150 Routen, in Nordostitalien um etwa 280. Für nächsten Winter ist das Teststadium geplant, übernächsten Winter soll die Vollversion stehen. Bis dahin gilt es, die Routendatensätze aufzubauen. Für die Ostalpen stelle ich mir 1500 Routen vor, für Italien und die französischen Alpen jeweils nochmals je 1000 Routen. Zur Zeit baue ich ein Netz von Partnerschaften auf, das mir bei der Digitalisierung hilft.

Was sind die nächsten Schritte in der Entwicklung Deiner Dienstleistungen?
Ein Schwachpunkt von skitourenguru.ch ist das Lawinenbulletin: Es ist hochgeneralisiert und gilt in erster Linie für grosse Gebiete. Da stellt sich die Frage, ob man es auf den Einzelhang herunterbrechen darf. Eine Alternative wäre ein System, das auf einer sogenannten «Modellkette» beruht: Ein erstes Modell würde mit Hilfe von Wetterdaten die Schneedecke virtuell mitwachsen lassen. Solche Modelle funktionieren schon recht gut. Der nächste Schritt besteht darin, aus der Schichtung der virtuellen Schneedecke deren Stabilität abzuleiten. Hier steht man noch ganz am Anfang. Aber sobald das möglich wird, könnte man ein automatisch erzeugtes Lawinenbulletin rechnen lassen und bei skitoutenguru.ch einspeisen. Wir sprechen hier aber von einem Zeithorizont von mindestens zehn Jahren.
Zudem würde ich den Benutzern gerne ermöglichen, auf der Karte selber Routen zu digitalisieren. Skitourenguru.ch würde diese augenblicklich bewerten. Wenn der Benutzer dann die Skitour unternimmt, einen GPS-Track aufnimmt und diesen hochlädt, könnte eine zweite Bewertung stattfinden. Damit würden die Skitourengänger ein Feedback zur Grössenordnung der eingegangenen Risiken erhalten.
Was mir schon lange unter den Nägeln brennt, sind die Schneemengen. Es wäre schön, wenn man beim Filtern der Routen angeben könnte, dass am Startpunkt beispielsweise mindestens 10 cm Schnee liegen sollen. Die Daten dazu sind grösstenteils bereits vorhanden. Ausserdem arbeite ich intensiv an der Version 3 des Algorithmus. Ziel ist es, den Algorithmus mit Hilfe von modernen Machine-Learning Methoden zu verfeinern. Und nicht zuletzt träume ich schon seit langer Zeit von einer App – die Ideen gehen noch lange nicht aus.

Mehr skitourenguru.ch auf gipfelbuch.ch:
Was skitourenguru.ch kann: Digitale Skitourenplanung der nächsten Generation.
Wie das System funktioniert: Lawinen-Risikokarten von skitourenguru - wie richtig eingesetzt?!

Mehr Informationen unter:
www.skitourenguru.ch/
27.03.2019 um 18:43
2901 mal angezeigt