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Jeannine Zubler

Zwanzig Jahre Gipfelbuch.ch – Ein Blick zurück

Reto Baur und Philippe Meyenhofer haben Gipfelbuch.ch 2000 gegründet. Seither hat sich viel verändert im Bergsport und in der Technologie. Reto Baur erinnert sich an die Anfänge von Gipfelbuch.

ERSTER TEIL: Rückblick

Zwei Informatik Studenten in der Garage – wie muss man sich die Anfänge von Gipfelbuch.ch vorstellen?
Fast! Allerdings studierte Philippe Jura und ich Wirtschaft. Das aufkommende Internet ermöglichte plötzlich Vieles und brachte uns auf eine Idee. 1999 reservierten wir die Domain Skitouren.ch. Mit welcher Absicht wussten wir nicht, programmieren konnten wir nicht…

Und was habt ihr schliesslich mit der Domain angefangen?
Ein Kollege programmierte eine sehr einfache Seite mit abgewandelten Buttons der Lego-Website. Dann legten wir los: mit "HTML for Dummies" programmierten wir ganze Wochenenden durch! Im November 2000 ging skitouren.ch online.


Wie sah diese erste Seite aus?
Wir nutzten das Portal, um unsere Skitouren für Freunde auszuschreiben: "Ich plane für Sonntag eine Skitour zum Chärpf, wer kommt mit?" Andere Türeler sollten es uns gleichtun.

Verhältnismeldungen gab es noch gar keine?
Auf der Seite war ein «Gipfelbuch» aufgeschaltet, eines dieser virtuellen Gästebücher, die es damals auf jeder Website gab. Das waren wenige Zeilen ohne Kategorien.

Habt ihr nie mit dem Gedanken gespielt, doch lieber Informatik zu studieren?
Nein. Aber wir erkannten: Neben dem Job schaffen wir das nicht und für die coolen Funktionen wie etwa die Suche sind Datenbankanbindungen notwendig. Dies überstieg unsere Fähigkeiten. Wir beauftragen einen befreundeten Programmierer; noch heute programmiert er das Portal mit seiner eigenen Firma. Die Bergschule Bergpunkt gab uns zudem viel wertvolles Feedback in dieser Phase. Das war der Start der umfangreichen Verhältnismeldungen.

Und die Routenbeschreibungen?
Anfangs beschrieb jeder nebst seiner Verhältnismeldung die Route. So verloren wir jedoch wertvolle Informationen. Niemand liest eine Verhältnismeldung aus dem letzten Winter. Deshalb implementierten wir 2007/2008 ein Wiki-Konzept. Alle arbeiten an der gleichen Routenbeschreibung. Die Verhältnismeldungen stehen einzeln dabei.

Das ist bestimmt einfacher?
So ein Wiki-Prinzip ist ein Hosenlupf! Wie schafft man es, dass alle an der gleichen Route arbeiten? Welche Kriterien gelten? Da steckt sehr viel Logik dahinter um die Balance zu finden, was reinkommt und was nicht; ändern ist nicht immer verbessern.

Wie habt ihr diesen grossen Aufwand finanziert?
Wir arbeiteten am Anfang mit Sponsoren, deren Firmen-Logo wir in der Navigation einblendeten.


Eine Win-Win Situation?
Sponsoren verlangen Exklusivität. 2002 bis 2008 wuchsen wir exponentiell; plötzlich waren wir dreimal so gross und berechneten entsprechend dreimal soviel. Die Sponsoren hatten aber nicht mehr Budget zu Verfügung.

Wie habt ihr dieses Dilemma gelöst?
Ab 2004 verkauften wir Werbeflächen auf der Seite. Nun kämpften wir damit, dass die Bergsportbranche Online-Werbung bisher nicht kannte und wir viel erklären mussten, bevor wir verkaufen konnten. Trotzdem funktioniert dieses Modell bis heute.

Stichwort Qualität: Kontrolliert ihr jeden Eintrag?
Diese Frage wird mir oft gestellt! Ganz klar: Nein. Das können wir schlicht nicht, weil wir weder die Verhältnisse vor Ort kennen noch diese mit vernünftigem Aufwand überprüfen könnten. Wir greifen nur ein, wenn etwas völlig aus dem Ruder läuft oder das Portal für andere Zwecke missbraucht wird.

Trotzdem bietet Gipfelbuch.ch Qualität. Wie schafft ihr das?
Mit der Menge der Einträge. Meldet ein Skitüreler «super Pulver» und fünf weitere «unten sehr nass», erhältst du ein gutes Bild. Falsche Meldungen sind schnell entlarvt; routinierte Leser kennen inzwischen Schreibstil und Qualität einzelner Autoren.

Wer schreibt vor allem Verhältnismeldungen?
Wenige User schreiben regelmässig mit viel Überzeugung. Ein treuer Kern schreibt seit mehr als zehn Jahren! Trotzdem können es nie genug Autoren und Verhältniseinträge sein. Wie gesagt, die Menge macht die Qualität aus.


Was motiviert die Schreibenden zu ihren Einträgen?
Manche dokumentieren auf Gipfelbuch.ch ihre Touren, wie andere ein physisches Tourenbüchlein führen. Einige Autoren stellen altruistisch der Community etwas zur Verfügung.

Bezahlt ihr User fürs Schreiben?
Nein, das wiederspricht unserem Community-Gedanken. Den Vielschreibern gewähren wir Rabatte auf unsere kostenpflichtigen Leistungen. Jemand der nur liest, trägt trotzdem zum Erfolg bei, indem er die Werbung konsumiert.

Ihr habt mit skitouren.ch begonnen; bergtour.ch, gipfelbuch.ch und weitere Seiten folgten. Was waren die Treiber, weshalb diese Erweiterungen?
Wir begannen mit Skitouren, weil wir selber oft im Schnee unterwegs sind. Das Konzept liess sich gut auf den Sommer übertragen, so kam Bergtour.ch dazu. Als saisonneutraler Name entstand zudem Gipfelbuch.ch und später Snowboardtouren.net.

Warum vier einzelne Seiten, ist das nicht mühsam?
Die Seiten liessen sich einzeln einfacher vermarkten. Im Hintergrund funktionierten alle Seiten gleich, mit gleichem Inhalt, sie waren nur mit anderen Layouts und Werbeeinblendungen versehen. Erst vor fünf Jahren führten wir alles unter der Namen Gipfelbuch.ch zusammen.


Dieser Rückblick wird in den kommenden Wochen durch einen zweiten Teil ergänzt, welcher sich mit dem Blick in die Zukunft befasst.

Berggipfelportal? Gipfelbergbuch?
Die Plattform Gipfelbuch.ch wird von der Firma Bergportal GmbH betrieben.
Mehr über die Bergportal GmbH findest du hier.

08.12.2020 um 07:33
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